Erfahrungsbericht
Julia Dibbern erzählt in diesem Abschnitt (aus dem Buch “Geborgene Babys”) über ihre Meinung zu Windeln, Stillen, Tragen und Babys vor der Schwangerschaft und wie ihr jetziges Leben aussieht. Sie hat sich in der Schwangerschaft wie so viele Mütter in verschiedene Themen eingearbietet und hat auf ihr Herz gehört.
Am Anfang war die ganz normale Meinung…
“Bevor ich mich mit dem Gedanken an eigene Kinder trug oder gar selbst
schwanger wurde, hatte ich kaum feste Vorstellungen über Babys, Kleinkinder
und alles, was damit zusammenhängt.
Wie die meisten jungen Menschen
in unserer westlichen Welt hatte ich mit Babys bisher nicht sehr viel
zu tun gehabt. Im Wesentlichen nahm ich einfach vieles als gegeben hin.
Das Bild, das allerorten präsent ist und das mit viel Interesse und Expertise
– und leider auch sehr wirkungsvoll – von der Babyversorgungsindustrie
propagiert wird, war in groben Zügen auch mein Bild.
Babys, so dachte ich, sollten den Familienablauf ergänzen, aber nicht
weiter stören. Und die wirklich coolen Eltern sind die, die sich von ihrem
Baby nicht zu sehr verändern lassen.
Auf Spaziergängen, wähnte ich, ist es optimal, Babys im Kinderwagen zu
schieben. Ab und an weinen sie, dann muss man den Wagen etwas schuckeln
oder dem Kind den verlorenen Schnuller wieder in den Mund schieben.
Denn es ist ja normal, dass Babys quengelig sind… Meine Cousine trug
ihre Kinder im Tragetuch und schwärmte davon, aber mir war das nicht
recht geheuer. Ich fühlte mich, obwohl sie wirklich sehr dezent und vorsichtig
war, irgendwie gedrängt und manipuliert und wollte eigentlich
schon deswegen aus Prinzip kein Tragetuch haben. Außerdem fand ich es
extremst öko-wurschtelig, und es sah arg kompliziert aus. Bei weitem nicht
so hip wie ein schicker Kinderwagen.
Geborgene Babys
Stillen ist gesund, so viel hatte ich wohl schon gehört. Und dass ich,
wenn ich einmal ein Kind hätte, dieses stillen würde, stand für mich außer
Frage, wenn auch nur wegen der Allergieprophylaxe. Wie lange ich stillen
wollte, darüber dachte ich nicht weiter nach. Ich nahm vermutlich an, man
stillt eben ab, wenn das Kind 6 oder 7 Monate alt ist. Über das Danach
machte ich mir keine Gedanken. Den Anblick eines gestillten Kleinkindes
fand ich… nun ja, nicht direkt abstoßend, aber doch sehr sehr gewöhnungsbedürftig.
Und ich konnte mich zwar daran erinnern, dass ich es als Kind sehr genossen
hatte, wenn ich einmal zu meinen Eltern unter die Bettdecke kriechen
durfte, aber grundsätzlich, befand ich, sollten Babys doch wohl besser
in ihrem eigenen Bett liegen. Als meine Cousine, deren Kinder im elterlichen
Bett nächtigten, sich einmal über Schlafmangel beklagte, empfahl ich
ihr allen Ernstes ein bekanntes Buch über ein „Schlafprogramm“… Ich erinnere
mich wie heute an das Telefonat. Mein Argument damals war etwas in
der Art von: „Davon hört man doch nur Gutes. Das soll doch so gut funktionieren.“
Was meine Cousine entgegnete, kam nicht einmal bei mir an.
Ich hörte es schlicht nicht. Es war nicht Teil meiner Realität.
Und die Windeln! Am praktischsten sind ja wohl Wegwerfwindeln,
ganz klarer Fall. Dieses Getüdel mit den Stoffwindeln würde mir mal nicht
ins Haus kommen. Zumal ja die Ökobilanz gar nicht mit Sicherheit besser
für die Stoffwindeln ausfiel – zumindest nach neuesten Forschungen der
Wegwerfwindelindustrie.
Eltern sind chronisch übermüdet und leicht genervt, dachte ich, und sie
müssen es sich mit Hilfe praktischer Gerätschaften bei allem so bequem wie
möglich machen und bloß nicht zu viel Aufwand betreiben.
Irgendwie war ich also relativ durchschnittlich in meinen Ansichten.
Obwohl ich es als Kind in einigen Bereichen anders erlebt hatte, hatte ich
die Ideale verinnerlicht, mit denen wir wieder und wieder programmiert
werden – durch Zeitungen und Zeitschriften, durch Filme und Romane.
Was wir heute richtig finden
Ich möchte kurz erzählen, wie es dann mit Baby bei uns ausgesehen hat.
Glücklicherweise haben mein gesunder Menschenverstand und mein Herz
über die Meinung der Masse gesiegt, und glücklicherweise war der wilde,
unbezähmbare Urmutterinstinkt in meiner Tiefe stark genug, um von mir
wahrgenommen zu werden.
Unser Sohn hatte von Anfang an eine sehr starke Präsenz in unserer Familie.
Er ist bis heute nicht grundlos quengelig, „zickig“ oder nörgelig. Er
weint auch – was im Übrigen für alle Kinder gilt – nie ohne Grund.
In unserem Haushalt gab es, bis er ungefähr 3 Jahre alt war, eine wachsende
Anzahl unterschiedlichster Babytragehilfen für verschiedene Gelegenheiten,
die gern und viel benutzt wurden. Wir alle haben das Tragen
bzw. das Getragenwerden so sehr genossen, dass es uns schlicht nicht in
den Sinn gekommen ist, Kinderwagen oder Karre zu nehmen. Unser Kinderwagen
ist immer noch fast nagelneu, nur aus Naturmaterialien und vollkommen
schadstofffrei. Das Beste vom Besten für unser Kind. Benutzt haben
wir ihn, wenn es hochkommt, 10 Mal für unser Baby. (Allerdings ziemlich
oft, um Einkäufe zu transportieren – sehr praktische Sache, so ein Kinderwagen!).
Stillen? So lange wie möglich! Das ist einer der Punkte, über die ich
mich am meisten bei mir gewundert und gefreut habe. Ich hätte nie gedacht,
dass das so nett sein könnte.
Unser eheliches Bett haben wir, als unser Baby etwa 8 Monate alt war,
von 1,40m verbreitert auf königliche 2,00m. Es ist so schön, neben einem
schlafenden Baby aufzuwachen oder von einem kleinen weichen Mund
wach geküsst zu werden. (Und ich glaubte lange Zeit nicht, ohne Fuß im
Ohr überhaupt noch schlafen zu können…) Wir haben nie ein Babybett besessen
und werden das vermutlich auch nie tun. Der Stubenwagen, den ich
in während der Schwangerschaft mit viel Hingabe bei meinen Eltern aus
dem Keller geholt, entstaubt und mit einem violettblauen (uterusfarbenen!)
Himmel versehen habe, stand dann recht schnell bei uns auf dem
Dachboden. Benutzt haben wir ihn damals vielleicht zwei Mal für jeweils 30
Minuten.
Windeln: Wegwerfwindelpakete haben wir insgesamt vier verbraucht,
auf Reisen. Unser Sohn trug kaum noch Windeln, seit er 11 Wochen alt
war. In den seltenen Ausnahmefällen trug er Stoffwindeln. Weil es so viel
angenehmer ist, Baumwolle auf der Haut zu spüren als eine Plastikhülle, so
„atmungsaktiv“ sie auch sein mag. Endgültig auf den Dachboden gewandert
ist ein Großteil der Windeln, als der Kleine etwa 9 Monate alt war.
Dieses Buch ist unter anderem so etwas wie mein Reisebericht zu einer
entspannteren Lebensweise mit Kind. Ich möchte einfach erzählen, was bei
uns gut funktioniert hat – und warum es funktioniert hat. Das, was ich erzähle,
will ich weder als das Nonplusultra für jeden hinstellen noch möchte
ich jemandem zu nahe treten. Es geht mir lediglich darum, aufzuzeigen, wie
leicht und unkompliziert und freudvoll das Leben mit einem Baby sein
kann, wenn man es sich nicht unnötig schwer macht, indem man die natürlichen
Bedürfnisse des Babys missachtet.
So vieles wird heute als normal angesehen, was bei genauer Betrachtung
weder sinn- noch liebevoll ist. So vieles rund um Schwangerschaft, Geburt
und Babyalter läuft in unserer Gesellschaft unnötig kompliziert und vollkommen
widernatürlich.
Es ist manchmal anstrengend und herausfordernd, wenn man sich außerhalb
des Mainstream bewegt. Aber es ist auch unglaublich bereichernd –
und einfach wunderschön. Weil es authentisch und ehrlich ist und dem
entspricht, was wir in der Tiefe unseres Herzens fühlen, anstatt ein gesellschaftlich
vorgegebenes Muster zu erfüllen. In unserer Familie können wir
nicht mehr anders. Wir könnten nicht „normal“ sein, denn das würde bedeuten,
dass wir unser Herz verleugnen.
Sind wir extrem?
Wir machen also mittlerweile so ziemlich alles anders, als „man“ es gemeinhin
tut. Für viele, auch sehr bewusste, Eltern ist das „zu extrem“ oder
„zu radikal“. Der Witz ist, dass wir einfach das tun, was uns am logischsten
und richtigsten vorkommt, ohne irgendeine Einordnung oder Beurteilung
auf einer politischen oder gesellschaftlichen Skala. Ich finde uns eigentlich
völlig normal, aber wer weiß. Mag durchaus sein, dass wir extrem sind. Das
liegt immer am Blickwinkel. Wenn man die verschobenen, seltsamen Maßstäbe
anlegt, die vielerorts immer noch als richtig gelten, dann bin ich sehr
gern radikal anders. Wenn es normal ist, dass Babys direkt nach traumatischen
Klinikgeburten mutterseelenallein in sogenannte Säuglingszimmer
abgeschoben werden, wenn es normal ist, dass winzige Babys chemische
Nahrung aus Plastikflaschen zum Trinken bekommen anstatt die warme,
süße Milch an der weichen Brust ihrer Mutter, wenn es normal ist, dass Babys
in Autositzen anstatt im Arm getragen werden, wenn es normal ist, dass
die zarte Haut von Babys mit Seifen, Shampoos und Cremes malträtiert
wird – wenn das alles normal ist, dann, nein, dann möchte ich nicht normal
sein.
Doch ich glaube gar nicht, dass wir wirklich extrem sind, wenn man als
Maß der Dinge unsere menschlichen biologischen Voraussetzungen anstelle
der gesellschaftlichen Erwartungen nimmt. Unsere Art des Elternseins ist
nicht extrem. Das Gegenteil ist der Fall. Wir als Gesellschaft haben uns nur
einfach so extrem weit weg von einem menschlichen, gesunden und lebensbejahenden
Miteinander bewegt, dass das, was eigentlich natürlich wäre,
sehr vielen Leuten heute seltsam und übertrieben vorkommt.”
Auszug aus “Geborgene Babys – Beziehung statt Erziehung“, Julia Dibbern, Anahita-Verlag S. 23-27 (2. Auflage)
Rezension des Buches: http://www.rund-und-gluecklich.de/blog/?p=285
Geborgene Babys im aStore Amala
Hast du auch einen Wandel in deinen Ansichten durchgemacht in der Schwangerschaft oder als das Kind auf die Welt war? Hinterlasse einen Kommentar.





ich habe lange geglaubt, Schnuller, Kinderwagen, Nuckelflasche, Windel, Babybett – das gehöre unweigerlich zum Baby. Andererseits war es gar nicht schwer, mich schon vor der Geburt fürs Tragen und Stillen zu begeistern. Das Stillen von Zweijährigen fand ich früher sonderlich und dann beim eigenen Kind auf einmal ganz normal. Schnuller passte für mich plötzlich gar nicht zu dem Neugeborenen, als es da war, kam mir irgendwie wie Austricksen vor. Und dann schlief das Baby auch von Anfang an bei uns Erwachsenen – das ergab sich, weil es ohne unsere Nähe nicht schlafen konnte und direkt neben mir des Nachts zufrieden war. Windelfrei musste ich erst durch andere kennenlernen, während das Tragen und zusammen nächtigen einfach so klar war. Das Zufüttern war beim ersten Kind noch eine Kopfsache. Da hat auch die Umwelt drauf geachtet, ob das Kind mit sieben Monaten schon “seine erste Mahlzeit” bekommt. Trotzdem ging das Stillen gut weiter, weil das Kind noch keine Fachbücher gelesen hatte und ich sein Bedürfnis nach Gestilltwerden sah.
Wir hatten auch alles gekauft: Schnuller, Kinderwagen, MaxiCosi-Adapter, Windeln. Dann las ich Julias Buch und war besonders total begeistert. Es waren soviele Dinge darin, die einem sonst NIEMAND sagt, die aber so wichtig zu wissen sind! Dank Julias ausführlicher, ehrlicher – und unglaublich witziger – Schilderung ihrer Geburtserlebnisse wusste ich z.B. bei unserer Geburt genau, was ich wollte und das trug sehr dazu bei, dass es ein großartiges Erlebnis wurde. Kann das Buch nur wärmstens empfehlen, es ist sicher für jeden etwas Spannendes dabei!